Alle Wege führen nach Rho

wie sich die Verkehrsstruktur Milanos änderte

Vorabversion des EK-Artikels 6/15


Vom 1. Mai bis 31. Oktober 2015 findet in der  Lombardei-Metropole Mailand die Weltausstellung „EXPO 2015“ statt. Das ist nicht zuletzt auch für die italienische Staatsbahn eine gewaltige logistische Herausforderung. Insgesamt 236 inländische hochwertige Züge müssen in dem frisch renovierten hochmodernen EXPO-Bahnhof „Rho-Fiera Milano“ abgefertigt werden. Das Autorenteam Pascal Schöpflin und Bernhard Veith berichten über dem aktuellen Stand der riesigen Veranstaltung, die am 01.05 2015 beginnt und bis Ende Oktober 2015 dauert.


„Rho, das ist der Hintern Italiens“ schrieb vor Jahren ein italienischer Autor als er die reiche Industriestadt Rho mit dem Zug durchfuhr.  Eine Gegend die selbst im Sommer nicht wirklich das Tageslicht sah, denn durch die Schwerindustrie verdeckten gigantische Giftwolken den Himmel. Gase wurden aus Hochöfen abgefackelt, und die  klimatisierten Wagen konnten den beißenden Gestank auch nicht wegfiltern. Wenn der Zug auch mal aus betrieblichen Gründen hier halten musste, hoffte jeder Passagier bald möglichst weiter fahren zu können. Und heute?

Wir schreiben das Jahr  2015. Am Bahnhof „Rho-Fiera Milano“, wird die Welt zur imposanten Weltausstellung „EXPO 2015“ vor den Toren Mailands eingeladen. Ausgerechnet die „Statione Rho Fiera Milano“ ist inzwischen einer der modernsten Bahnhöfe Italiens. Weg ist die Schwerindustrie, auf dem Gelände ist die weltbekannte Mailänder Messe eingezogen, auf der anderen Seite des neuen Messebahnhofes wird die Weltausstellung EXPO 2015 stattfinden. Beide Bereiche sollen mit einem riesigen schlauchartigen Übergang miteinander verbunden werden. Noch im Februar 2015 war davon noch nicht viel zu sehen. Noch eine Woche vor der Eröffnung waren Zufahrtswege gesperrt und auch im Innern der Ausstellung Wege und Gebäude längst nicht fertig. Der Bahnhof, wie das gesamte EXPO-Gelände war eine einzige Baustelle. Das ist aber für die EXPO typisch, am 1. Mai 2015 konnte die Veranstaltung planmäßig beginnen.


Die EXPO als Weltkirmes


Anfangs war die „World´s Fair EXPO“ eine Leistungsshow aller  Staaten, der Industrie und Wirtschaft unserer Welt. Zeugnisse davon sind der Eiffelturm  in Paris,  das Atomium in Brüssel und vieles mehr. Auf den früheren Veranstaltungen wurden auch Innovationen vorgestellt, ohne die wir heute ein modernes Leben nicht vorstellen können, wie Kühlschränke, Elektrogräte und vieles mehr.

Auch als interglobale Tourismusbörse musste sie schon herhalten. Das ist zwar ganz lustig, erstmals  von Inseln, Staaten oder Regionen zu hören und lesen, die man danach auch gleich wieder vergisst. Aber mehr als Unterhaltungscharakter hatten und haben diese Präsentationen nicht. Wieder andere Nationen nutzten die EXPO um der Welt ihre militärische Vormachtstellung zu demonstrieren, oder ehrgeizige Weltraumpläne vorzustellen. So drohte China 1992 der Welt an, schon bald den Weltraum erobern zu wollen. Die Raketen und Raumschiffen ähnelten freilich aber eher dem „Raumschiff Enterprise“. Davon war 2010 auf der Weltausstellung EXPO 2010 in Shanghai freilich nichts mehr zu sehen, man präsentierte sich dort als friedlicher Wirtschaftspartner.

Die „neue“ EXPO soll Probleme lösen


Nun soll  die EXPO 2015 elementare Fragen der Menschheit beantworten oder zur Diskussion anregen. Nicht mehr und nicht weniger. „Feed the World – Die Welt ernähren“ heisst denn auch die Losung in diesem Jahr.

Dabei  soll nicht nur ein riesiger Marktplatz der Köstlichkeiten entstehen und davon hätte Italien nun wirklich genug zu bieten, sondern soll den Besucher die Entstehung eines Lebensmittels von Anfang an zeigen und wie man es künftig besser machen könnte.  So will man auch Bereiche  wie Technologien, die für die umweltschonende und gesunde  Ernährungserzeugung von heute wichtig sind, ebenso zeigen, wie Innovationen zur Gewinnung beispielsweise von Rohstoffen.

Be(e) active


Deutschland ist mit einem der größten Pavillons, dem Field of Ideas vertreten. Das Motto ist „Be active“ und zeigt 7 Stationen auf, die für die Ernährung von morgen wichtig sind. Imposant ist dabei, wie immer, die Architektur des Pavillons in dem täglich 13.300 Personen erwartet werden. 

Insgesamt 145 Länder und wenige Firmen, zeigen auf der 95 ha großen Fläche, (von den Einheimischen wenig liebevoll „pesce grande“, großer Fisch, genannt), wie sie sich die zukünftige, nachhaltige Ernährung vorstellen. In diesen Monaten erwartet man in Mailand 20 Millionen Menschen, davon knapp 6 Millionen aus aller Welt. Alleine von China aus erwartet man eine Invasion von 1,3 Millionen Menschen. Das ist eine gewaltige logistische Aufgabe für den Verkehr in und um Mailand, der ja schon jetzt täglich kollabiert.


Neue Wege braucht das Land

Denn in Punkto Infrastruktur belegt Italien in der Welt einen beschämenden 53. Platz, also für die wirtschaftliche Bedeutung dieses Landes eigentlich völlig ungenügend. Da kommt die EXPO gerade richtig. Man erwartet, dass durch neue Autobahnen und Schienenstränge, auch die Wirtschaft und deren Leistungsfähigkeit wachsen werden. Davon profitieren die Regionen Lombardei und  Piemont bis Turin. Da braucht es neue Hotels, neue Verkehrswege, nicht zuletzt auch zur benachbarten  Schweiz, schnelle Schienenverbindungen und leistungsfähige Flughäfen.

Durch die zentrale Lage Mailands könnten Menschen aus der Schweiz, Frankreich und sogar aus Süddeutschland einen Tagesausflug zur EXPO machen, was aber aufgrund der Größe der Ausstellung nicht ausreichen dürfte. (Bild: Der neue ETR 610 der SBB) Daher werden viele Besucher vorwiegend ein Wochenende zum Besuch nutzen.

Zwei Monate vor Öffnung waren nicht nur auf dem Expogelände die Arbeiten voll im Gange und auch in der Stadt selbst blieb kein Stein auf dem anderen, selbst  die berühmte Mailänder Skala war noch verhüllt.  Insgesamt sollen  die Arbeiten in sämtlichen Bahnhöfen, Flughäfen, sowie die  Zufahrtsstraßen von und nach Mailand aber pünktlich fertig sein.  Der Mailänder Hauptbahnhof ist zwar schon fertig renoviert, aber der Bahnhofsvorplatz und der U-Bahnhof befinden sich aber noch im Umbau.

Apropos U-Bahn: Die Metropolitana di Milano wurde im Rahmen der EXPO um zwei Linien erweitert, bestehende verlängert. Sogar das Vorzeigeprojekt, die voll automatische Linie M 5 wird pünktlich zur EXPO fertig.  Die Kosten belaufen sich  bei rund 1,5 Mrd. Euro. Um diesen erweiterten Betrieb überhaupt bewältigen zu können, wurden kürzlich 30 neue Züge von AnsaldoBreda aufs Gleis gestellt, 30 weitere sind im Bau. Der Auftragswert der gesamten Beschaffung liegt bei 210 Mio. Euro.


Schneller, weiter, pünktlicher


Doch die größte Herausforderung im Schienenverkehr hat die italienische Staatsbahn FS zu leisten. Denn der größte Fernbahnhof Europas, der „Milano Centrale“, war bisher Start und Ziel der meisten Züge. Diese müssen nun bis oder über den zum  EXPO-Bahnhof Rho/Fiera Milano verlängert bzw. umgeleitet werden. Bislang hielten hier lediglich die S-Bahn und Regionalzüge der „TRENORD“, die große Teile des Nahverkehrs in der Lombardei betreiben. 

Mit der Eröffnung der EXPO 2015 soll auch  die Umstrukturierung der alten FS hin zur modernen „Trenitalia“ vollzogen sein. Unter diesem Label „Trenitalia“ werden dann täglich sage und schreibe 236 nationale Fernzüge in Rho/Fiera Milano halten oder starten. Dabei handelt es sich um die drei unterschiedlichen Produkte im qualifizierten Fernverkehr wie die Hochgeschwindigkeitszüge „Frecciarossa“ (Bild, links: „Roter Pfeil“, ETR 500 mit v/max. 300 km/h) auf der Strecke Rom-Florenz-Mailand-Turin (Direttissima-Strecke), die „Frecciaargento“ ("Silberpfeil," Pendolini der Baureihen ETR 470/ 480, und ETR 600/610), für kurvenreiche Strecken für v/max. 250 km/h, und  die „Frecciabianco“-Züge (Bild links:„weißer Pfeil“, Zwei ETR 414, dazwischen bis zu 12 Eurofimawagen für v/max. 200 km/h) auf der Strecke Venedig-Milano-Genua. Doch die FS setzt noch eins drauf: Pünktlich zur EXPO 2015 soll mit dem neuen 360 km/h schnellen ETR 1000 auf der Strecke Turin-Milano-Roma ein neues Zeitalter beginnen, was dramatische Fahrzeitverkürzungen zwischen Turin-Mailand  Florenz und Rom bringen soll. Mittelfristig soll dieser Zug auch 400 km/h planmäßig fahren können. Zum Auftakt der EXPO 2015 jedoch waren diese Geschwindigkeiten jedoch noch Utopie.

Das bedeutet aber nichts anderes, als dass der Hauptbahnhof „Milano Centrale“, vorrübergehend zum Durchgangsbahnhof „degradiert“  wird. Wie dies ganze funktionieren soll, war t noch vor Kurzem das Geheimnis der Logistiker der FS, zumal auch noch 3 TGV-Zugpaare von/nach Paris und  gleich 24 Verbindungen der SBB (Basel/Zürich-Geneve-Milano) dazu kommen sollen. Dabei sind alle Pendolini der unterschiedlichen SBB Baureihen (ETR 470, ETR 600 und ETR 610) im Einsatz. Der letzte Triebzug der letzten Bauserie verließ im März 2015 das Alstom-Werk in Savigliano. Erstmals werden die neueren Züge der Baureihe ETR 610 auch in Doppeltraktion eingesetzt.

Auch die Privatbilliglinie „Italo“ der privaten Gesellschaft Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV) wird nach „Rho Fiera Milano“ umgeleitet. Das ist insbesondere interessant, weil die FS bislang den „Italo“, auf den Hauptbahnhöfen der großen Städte überhaupt nicht duldete, ist dieser rote „Schienenferrari“ (Ferrari ist einer der Gesellschafter) die Billig-Konkurrenz zur FS, was in Deutschland der Fernbus ist. Da sage noch einer Italien sei nicht umweltfreundlich.  So will man täglich 130.000 Fahrgäste von/nach Rho befördern. Doch nicht nur im Fernverkehr  wartet die FS mit neuen Zügen auf.

Moderne lokbespannte Doppelstockzüge der  Vivalto-Serie mit der E464 wurden generalüberholt. Die  Minuetto-Triebzüge aus der Corrado-Serie von Alstom, ersetzen ältere Züge und machen den Nahverkehr in und um Milano attraktiver. Für die weniger dicht besiedelten Gegenden stehen Stadler-Züge der Flirt-Serien oder GTW der TRENORD zur Verfügung. Diese fahren als „Thilo“ bis ins schweizerische Bellinzona.

Übernachten während der EXPO

Wenn man mit dem Zug eine Anfahrtszeit zur Expo bis zu einer Stunde in Kauf nehmen will, findet man sehr reizvolle Übernachtungsmöglichkeiten in den italienischen Regionen Piemont, der Lombardei, insbesondere am Lago Maggiore oder auch im Grenzgebiet zur Schweiz. Natürlich wird erwartet, dass bei insgesamt 6 Millionen Besuchern aus dem Ausland die Hotels ausgebucht sein werden. Alleine aus China werden 2 Millionen Besucher erwartet die es inzwischen gewohnt sind mit Hochgeschwindigkeitszüge zu fahren. Viele der bekannten Hotels haben eine Renovation vorgenommen und sind äußerlich, wie preislich nicht mehr wieder zu erkennen. Erschwinglich sind daher die Pensionen im freien Land hinter den Tourismusgebieten und außerhalb des Tourismus-Katalogs. Trotz der logistischen Bedenken ist dann eine Fahrt mit der Bahn zum EXPO-Bahnhof die beste, zeitsparendste und bequemste Art zur EXPO zu gelangen.

Für Besucher aus dem deutschen Raum, die eine Tagesreise zur EXPO wagen wollen, bietet die SBB attraktive Verbindungen an. Täglich sollen 2000 Personen aus Basel, Genf  und Zürich direkt zur EXPO befördert werden können. Für Personen im deutschen Grenzgebiet sind die Frühzüge zu empfehlen, da die Fahrzeit ab Basel oder Zürich zum Teil deutlich  unter 4 Stunden liegen.  (Bild: Der letzte ETR 610 der zweiten Serie, mit der neuen Kupplung, mit der diese Züge erstmals in Doppeltraktion zur EXPO fahren werden. Das Bild enstand  im ehemaligen FIAT-Werk Alstom Saviliagno, kurz vor seiner Auslieferung im März 2015. Es werden noch 4 weitere Züge für die SBB geliefert, wobei sie dann mittelfristig bis nach Stuttgart oder sogar Frankfurt fahren sollen)

Fortsetzung




Kleiner technischer Steckbrief des ETR  1000 der Trenitalia


Hersteller

Bombardier, AnsaldoBreda

Power

9800 KW

v/max.:

360 km/h planmäßig, während der Expo bis zu 400 km/h

Länge

200 Meter/ 8 Wagen



Motoren

16, in den Wagen integriert

Sitze

457

Energiesysteme

25 kV-50 HZ;  15 KV -16,7,  Hz, 3 KV – 1,5 KV

Signalsysteme

ETCS 2 u.a.

Geräuschpegel

< 91 dB bei 300 km/h

Umweltfreundlichkeit

85% aller Materialien sind wiederverwendbar.

Baujahr

ab 4/2015 (offizieller Einsatz)

Anzahl

ab Juni 5 Exemplare im Einsatz, weitere 50 Züge sind bestellt.

Gewicht

500 Tonnen

Anfahrzugkraft

370 kN


alle Rechte bei httpress-services,

Bernhard Veith (Texte) und Pascal Schöpflin (Bilder)

Bilder dürfen nur nach vorheriger Genehmigung  anderweitig veröffentlicht werden.  Die Veröffentlichung des Textes ist grundsätzlich untersagt.













Diese Seite ist auf Smartphones nicht anwendbar. Bitte besuchen Sie uns auf Laptop oder Destops

Wir haben wieder die 20.000 Leser-Marke erreicht. Vielen Dank

Mitglied im