Update 4/20




Erkenntnisse/ Zusammenfassung:

Cannabis kann bei schweren Krankheiten verordnet werden. Voraussetzung ist, dass andere Behandlungen nicht zur Verfügung stehen oder nicht möglich sind. Außerdem muss nach ärztlicher Einschätzung die Chance bestehen, dass sich Beschwerden durch Cannabis bessern. Sie erhalten Cannabis meist zusätzlich zu Ihren bestehenden Medikamenten. Hinweise auf Wirksamkeit gibt es bei dauerhaften Schmerzen, Muskelkrämpfen bei multipler Sklerose, Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie oder ungewolltem Gewichtsverlust, etwa bei AIDS. Die Wirkung war in Studien eher gering.



Mehr als jeder Dritte bricht eine Behandlung mit Cannabis wegen Nebenwirkungen wieder ab.


Cannabis ist der lateinische Begriff für Hanf. Seit Jahrtausenden nutzen Menschen diese Pflanze: Aus den Fasern stellt man Seile her, aus den Samen Öl. Aus den getrockneten Blüten und Blättern lassen sich die Rauschmittel Haschisch und Marihuana gewinnen. Seit einiger Zeit wird auch die medizinische Wirkung von Cannabis stärker erforscht.

Die medizinischen Wirkungen von Hanf gehen vor allem auf die Inhaltsstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zurück. THC wirkt berauschend und entspannend, es kann Brechreiz dämpfen. CBD wirkt angstlösend und kann Entzündungen hemmen.

Abgegeben werden diese Präparate nur:


  • Es liegt eine schwere Erkrankung vor.

  • Eine anerkannte medizinische Behandlung steht nicht zur Verfügung oder ist nach ärztlicher Einschätzung nicht möglich.

  • Es gibt eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht, dass sich der Krankheitsverlauf oder starke Beschwerden spürbar bessern. Dies entscheidet der Arzt.

  • Ob diese Voraussetzungen gegeben sind, beurteilt Ihre Ärztin oder Ihr Arzt. Vor der ersten Verordnung müssen Sie bei Ihrer Krankenkasse eine Genehmigung einholen. Dann erhalten Sie in der Arztpraxis ein sogenanntes Betäubungsmittel-Rezept.


Bei folgenden Krankheiten oder Beschwerden wurde Cannabis untersucht:

  • dauerhafte (chronische) Schmerzen

  • Muskelkrämpfen bei multipler Sklerose oder Lähmung der Beine

  • Übelkeit und Erbrechen, zum Beispiel als Folge einer Chemotherapie

  • ungewollter Gewichtsverlust, zum Beispiel als Folge von AIDS

Ob Cannabis bei diesen Beschwerden für Sie in Betracht kommt, hängt davon ab, welche anderen Behandlungen möglich wären und ob das Risiko für Nebenwirkungen vertretbar erscheint. Es wurde nur als zusätzliches Medikament untersucht.


Wirksamkeit:

Bislang gibt es nicht genügend gute Studien, so dass man nicht sicher beurteilen kann, wie wirksam Cannabis ist. Bei dauerhaften Schmerzen, Muskelkrämpfen, Übelkeit oder Gewichtsverlust legen Studien nahe, dass THC-haltige Medikamente Beschwerden lindern können. Allerdings war die beobachtete Wirkung dabei meist eher gering. Cannabis hilft nicht gegen plötzliche Beschwerden.


Nebenwirkungen :

Müdigkeit und Konzentrations-Schwäche. Stimmungs-Schwankungen, Schwindel, Mundtrockenheit, trockenes Auge, Muskelschwäche, gesteigerter Appetit, Herzrasen, Entzugserscheiungen, plötzlicher Blutdruckabfall und Herzbeschwerden.  Cannabis erhöht das Risiko, psychisch krank zu werden und Wahnvorstellungen (Psychose) zu entwickeln.

Gegenanzeigen:

Schwangerschaft,  Psychose oder andere schwere seelische Erkrankungen hatten.


Darreichungsform:


  • Die Wirkstoffe Nabilon und Nabiximols gibt es als Fertig-Medikamente in der Apotheke, als Kapseln beziehungsweise als Mund-Spray.

  • Der Wirkstoff Dronabinol steht in Deutschland als sogenanntes Rezeptur-Arzneimittel zur Verfügung. Das Mittel wird also für Sie persönlich in der Apotheke zubereitet, meist als ölige Tropfen, die Sie einnehmen.

  • Des Weiteren gibt es Medizinal-Hanf in Form von getrockneten Blüten oder Pflanzen-Extrakt. Beides muss erhitzt werden, damit die Inhaltsstoffe wirken. Dafür eignet sich ein Verdampfer.

  • Wegen der schädlichen Wirkung raten Fachleute davon ab, Blüten als Joint zu rauchen oder Cannabis-Tropfen in Liquids zu mischen.

  • Zum Anfang einer Behandlung oder wenn die Dosis neu eingestellt wird, sollten Sie nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen.





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Medizinisches Cannabis im Jahre 2021

eine kurze Vorausschau


Seit 2017 berichten wir über Cannabis-Produkte in der Medizin, und welche Veränderungen es gibt.  In diesem Jahr werden es 2 Berichte werden. Zunächst einmal verdient die Ankündigung der BfArM, dass nun der Beginn des Verkaufs von deutschem Cannabis begonnen hat, Erwähnung. Der zweite Teil wird im nächsten Heft erfolgen und wird der erste intensive Zwischenbericht der Begleitstudien sein. Schon jetzt sei gesagt, dass es einige Ueberraschungen geben wird. Leider haben wir die Studie noch nicht vollends ausgewertet. Näheres im Paralife 3/21, oder hier im Oktober 21. Doch nun eine kleine Vorschau:


Neues aus Cannabien

 



Wann Cannabis wirklich hilft

Von Bernhard Veith
erschienen am 06.07.2017



Anfang des Jahres wurden Cannabiswirkstoffe als verschreibungspflichtige Medikamente zugelassen. Doch in sozialen Medien irren immer noch Falschmeldungen dazu herum. Da liest man, dass ein "Joint" starke Schmerzen, Spastiken und Asthma "wegkiffen" könne, Krebs, Multiple Sklerose, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und weitere über 55 Krankheiten erträglicher mache. Falsch!

"Schwerkranke können nach ärztlicher Verordnung Cannabis in Arzneimittelqualität durch die gesetzliche Krankenversicherung erstattet bekommen", sagt Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Diese Arzneimittel, die aus der Cannabispflanze gewonnen werden, müssen eine gleichbleibende Wirkung haben, also standardisiert sein. Dies kann ein Joint genauso wenig wie etwa ein Keks leisten.

Ein Arzt darf nur verschreiben, was durch klar festgesetzte Verfahren geprüft und zugelassen wird. Diese dauern mehr als zehn Jahre. Neue, oft teurere Medikamente müssen zudem einen Mehrwert vorweisen. Medikamente aus Heilpflanzen werden nur in Ausnahmefällen zugelassen, auch wenn die Wirkung pharmakologisch nicht nachgewiesen werden kann. Sie wirken aber zum Teil seit Jahrhunderten und gelten gemäß EU-Direktive als "well established use". Die Wirkstoffe werden der Pflanze entzogen und so hoch konzentriert, dass ein wirksames standardisiertes Medikament als Kapsel, Salben, Säfte, Tabletten oder Tropfen entsteht.

Die Wirkstoffe aus Cannabis sind in den letzten Jahren pharmakologisch nicht wirklich erforscht worden, weil offenbar kein Pharmaunternehmen bereit war, für ein patentfreies Medikament Millionen für Forschung und Studien in die Hand zu nehmen, damit andere Hersteller den Nutzen davon haben. Erst zulassen, dann erforschen? Das ist neu und zeigt die Brisanz der Entscheidung. Doch diese Unsicherheit soll ausgeräumt werden, gewissermaßen mit staatlichen Maßnahmen. "Mit einer Begleiterhebung können wir künftig wichtige Erkenntnisse zum medizinischen Nutzen von Cannabis gewinnen," sagt Professor Dr. Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

Die bisherigen Studien waren keinesfalls ermutigend. In den wenigen Blindstudien hatte man zwar Patienten mit 64 unterschiedlichen Erkrankungen untersucht. Dabei stellte sich aber heraus, dass der Erfolg als "eher neutral" bezeichnet werden konnte. Nennenswerte positive Resultate wurden lediglich bei chronischen neuropathischen Schmerzen und Übelkeit bei der Chemotherapie von Krebspatienten erzielt. Ebenso war dies bei Spastiken von MS-Patienten, bei Behandlung starker Migräne sowie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen der Fall. Gegenüber verfügbaren bewährten Medikamenten war aber bei keiner dieser Indikationen eine signifikante Verbesserung zu erkennen. Wenig Wirkung zeigten die Cannabisprodukte bei rheumatischen Schmerzen, bei Tourette-Patienten sowie Angststörungen, Psychosen oder dem posttraumatischen Stress-Syndrom. Hier wurden gar markante Nebenwirkungen wie verzerrte Wahrnehmung erkannt. "Wie jedes Medikament haben die Cannabisprodukte Nebenwirkungen," sagt der Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer.

Auch wenn die Zulassung von Cannabisprodukten als Erfolg gefeiert wurde, wird sich nicht viel ändern, denn der reale Einsatz hält sich nach den ersten Monaten in Grenzen. Derzeit erfüllen lediglich etwa 1100 Patienten die Voraussetzung für die Verabreichung: "Der Zugang soll nur für Patienten offen stehen, die mit anderen verfügbaren Arzneimitteln nicht zufriedenstellend therapiert werden können", so Bundesinstitutssprecher Maik Pommer.

Seit Januar gibt es in Deutschland ein synthetisches Tetrahydrocannabinol-Präparat, welches dem Pflanzenwirkstoff entspricht, aber ausschließlich zur oben genannten Begleitbehandlung einer Chemotherapie indiziert ist. Dieses Medikament, wie auch Medikamente aus natürlichen Extrakten, die aus dem reinen Wirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) bestehen, werden vom Apotheker als Kapseln zum Einnehmen oder als ölige Tropfen zur Inhalation hergestellt. Die Tropfen können nur mit einem bestimmten Gerät inhaliert werden. Die Pflanzen für das pflanzliche THC-Medikament stammen derzeit aus Österreich, die Cannabisblüten aus Holland oder Kanada. In Deutschland war der Anbau bisher verboten. Das wird sich nun ändern. Eine neugegründete Bundes-Cannabis-Agentur des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte, kontrolliert die medizinische Qualität des Wirkstoffes und wer die Pflanzen in Deutschland anbauen darf.

Cannabisprodukte können vereinzelt helfen und sind nur für einen kleinen Patientenkreis erstattungsfähig. Das ist schon eine Zulassung wert. Wer aber meint, sich schnell in der Apotheke einen Joint organisieren zu können, wird enttäuscht. Dass Menschen nach einem Joint eine Besserung empfinden, ist vermutlich eine Placebo-Reaktion, denn dies ist medizinisch gar nicht möglich. Denn die Pflanze gibt erst bei deutlich höheren Temperaturen und nach längerer Zeit den Wirkstoff frei. "Es wäre fahrlässig und falsch, aus dem medizinischen Einsatz zu folgern, dass Cannabis als Genussmittel harmlos wäre", warnt Chefapotheker Andreas Kiefer.

 

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