Allgemeine Themen

Barrierefreies Bauen

ohne Hand und Fuß

eine Momentaufnahme von Bernhard Veith


Der freie Journalist Hans Meier*, (42 Jahre, verheiratet 3 Kinder zwischen 12 und 18 Jahren) lebte sorgenfrei. Das alte Bauernhaus war so gut wie abbezahlt, er schien wirtschaftlich gut abgesichert zu sein. Ein sorgenfreies Leben.


Der Schlaganfall kam buchstäblich über Nacht, ohne Ankündigung und zerstörte die Zukunft und das bisherige Leben der Familie. Es folgten lange Aufenthalte in Klinik und REHA,  in denen Hans mit dem mühsamen „Zurück-lernen“ von Bewegung und Sprache  kämpfen musste. Auch seine Familie führte nun ein anderes Leben. Seine Frau,  eine bekannte Grafikerin, musste sich plötzlich um elementare Dinge des Überlebens kümmern. Krankengeld, oder Übergangsgeld ist bei Freiberufler nicht gerade üppig, die Versicherungen finden für Ablehnungen immer Gründe. Die alltäglichen Demütigungen des harten monatelangen Überlebenskampfes, bis endlich regelmäßige Einkünfte (Rente) gesichert waren, bekam Hans nur am Rande mit. Eines belastete die Familie aber besonders: Konnten Sie das Haus behalten und wie sollte das gehen, wenn Hans für immer behindert bleiben würde?  Es gab nur eine Lösung: Das Haus musste „barrierefrei“ umgebaut werden. Seine Frau begann sogleich mit den Umbauplänen, in erster Linie auch um sich abzulenken. Barrierefrei umbauen, hieß auch umdenken: Die fünf Stufen zum Haus müssten einer Rampe weichen, Treppenlift oder Aufzug kämen ohne massive Eingriffe in die alte Bausubstanz nicht in Frage. Daher sollte das Erdgeschoss, wo bislang die Gästezimmer mit Dusch –und Kocheinheiten untergebracht waren, nun zum Lebensmittelpunkt der Familie werden.  Dort sollten Küche, Schlafzimmer und vielleicht langfristig ein kleines Büro für Hans eingerichtet werden.  Im zweiten Stock wurden nun Wohnzimmer, Kinderzimmer, sowie ein Rückzugszimmer für seine Frau eingeplant. Der romantische Kamin sollte einer „energieeffiziente Heizung“ weichen. Doch wer sollte dies alles bezahlen?

Der Sozialdienst der Klinik machte der Familie Mut. Für das „barrierefreie Bauen“ könne man Zuschüsse und Kredite beantragen. Für die ebenerdige Dusche, in die er künftig hinein einrollen wollte, sollte es einen Zuschuss in Höhe von 4.000 Euro von der Pflegekasse geben. Griffe, Duschsitze oder verstellbarer Toilettensitz oder Waschtisch müssten separat per ärztlicher Verordnung durch die Krankenkasse finanziert werden. Sogar für die Gegensprechanlage, die beide Stockwerke verbinden sollten, waren Zuschüsse möglich. Für Kredite vermittelte der Sozialdienst auch gleich einen Sachverständigen einer Stiftung, was bei manchen Krediten sogar Bedingung ist. Der Sachverständige, der einen Architekten mitbrachte, schien tatkräftig zu sein und wusste noch mehr. Pro Wohneinheit gäbe es Kredite bis zu 50.000 Euro, die für die erwähnten Arbeiten im Erdgeschoss, samt Rampe verwendet werden könnten. Selbst der Zuschuss für ein einbruchsicheres Wohnen wurde nicht vergessen. Als Voraussetzung für diese Hilfen sei, dass der Antragsteller Eigentümer sei oder im Haus wohne. Das passte. Die Zuschüsse und Darlehen seien über die KFW-Bank, Stiftungen oder der L-Bank (Landesprogramm) zu beantragen. Das alles hörte sich gut an. Aber: Der gelähmte Hans hatte ja bei dem „Bauen ohne Hand und Fuß“, wie er es ironisch nannte, keine Erfahrung. Wie sollte das gehen? Das sei alles kein Problem, flötete der Sachverständige, er habe das im Griff. Der Architekt versicherte, er würde darauf spezialisierte Baufirmen kennen, man könne rasch mit dem Bau beginnen, schließlich wolle Hans ja bald nach Hause. Der Architekt würde sich um alles kümmern, denn es gäbe ja eine unvorstellbare Zahl an Zuschüssen und Mittel, selbst er könne über Zuschüsse entschädigt werden. Die Eheleute fühlten sich gut aufgehoben.

Doch zunächst passierte nichts, fast nichts! Der Architekt hatte zwar einen Umbauplan mit einem Kostenvoranschlag erarbeitet. Nichts fehlte darin, nur eines: Die Zuschüsse von Krankenkassen, Pflegekassen, und die günstigen Kredite. Das dürfe man nicht einrechnen, verteidigte der Sachverständige seinen Architekten, weil es eben Zuschüsse seien. Diese würden nach Ermessen vergeben. Es würde, wenn sie kämen alles erleichtern. Wenn sie denn nur kämen. Hans wollte sich auf eine solche unsichere Sache nicht einlassen. Da warte er lieber bis alles in „trockenen Tücher“ sei.


Mit Hans kam auch die Ernüchterung nach Hause. Die Rampe hatte die Frau selbst gebaut, weil sie nicht mehr warten wollte und verzichtete so auf Zuschüsse. Denn es gab ein Problem: Weder Bad, noch Küche waren fertig oder im Bau. Zwar würde die Pflegekasse den Zuschuss „nach Ermessen“ prüfen. Aber man müsse ja die Rechnungen einreichen, bevor die Pflegekasse genehmigen und zahlen würde. Auch der Hausarzt hatte die Hilfsgegenstände verordnet, die die Kasse zahlen sollte. Aber auch diesen Rest der Kosten sollte über ein Darlehen der KFW Bank, bzw. über ein Darlehen der Landesbank ausgeglichen werden. Zwar hatte der Architekt wie besprochen bei KFW und Landesbanken die Zuschüsse und Kredite beantragt. Aber die KFW-Bank trat als Kreditgeber für diesen günstigen Kredit gar nicht in Erscheinung, sondern die Hausbank mit all ihren Bedingungen sprich „Besicherung“. Und Sicherheiten? Das war das noch nicht abbezahlte Haus! Das wollte er nicht „hergeben“. Die Hausbank sah „Schwierigkeiten“, es sei ja noch nicht vollständig abbezahlt, ausserdem sei Hans ja in einem gesundheitlich „schlechtem“ Zustand und ein Risiko. Die Hausbank wolle aber  mit der KFW sprechen. So verstrich ein Bautermin nach dem anderen. Im Herbst kam dann der Brief der KFW-Bank: „Für dieses Jahr sind die Mittel leider aufgebraucht, stellen Sie für 2017 schon jetzt einen Antrag“. Hans fragte sich, ob die Mittel überhaupt einmal auch für ihn reichen würden.

Der Architekt beruhigte die Familie Maier. Zur Not bekäme man auch einen Kredit über das Sozialamt. Da wären vielleicht die Fliesen billiger, die man verwenden dürfe……


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