"Aus dem Osten viel Neues"

von Bernhard Veith (Text) und Pascal Schöpflin (Fotos)


Der Fahrplanwechsel 2016/17 der DB brachte neben dem Wegfall der Nachtzüge und dessen Übernahme durch die ÖBB eine neue Zugverbindung, die schon seit Jahren im Gespräch war und letztlich dann doch die Überraschung des Fahrplanwechsels wurde: Der „Strizh“.


Eleganz und Geschwindigkeit

Was wie ein Druckfehler anmutet ist russisch und heisst „Mauersegler“. Das  ist ein neuer  200 km/h schneller Talgo-Nachtzug der RZD (Rossiyskie Zheleznye Dorogi, bei der Tochter FPC eingestellt),  der seit 16.12.2016 vier europäische Hauptstädte, nämlich Moskau, Minsk und Warschau im „verlängerten Nachtsprung“ verbindet. Ganze 20 Stunden und 14 Minuten benötigt der Talgo, das sind mehr als vier Stunden Zeitgewinn, gegenüber normale Züge. Das ist neu, denn attraktiv war die bisherige Verbindung zwischen diesen Großstädte nie.

Tatsächlich begann der Fernzugverkehr zwischen Russland und Berlin schon 1861. Durchgesetzt hatte sich allerdings lediglich die Verbindung St. Petersburg –Berlin und St. Petersburg-Nizza, sowie 1896 der „Nord-Express“ St. Petersburg-Paris.


Die Fahrtzeiten waren aber wegen den unterschiedlichen Spurweiten indiskutabel. Da diese Züge mit den Luxuszügen der damaligen Zeit, wie der „Simplon-Express“; „Orient-Express“ und andere, vergleichbar waren, waren sie auch kostenintensiv, da sie wegen der Umspurung von der russischen Spurweite (1520 mm) auf die europäische 1435mm-Spurweite, gleich zweimal vorhanden sein mussten. Die meist sehr betuchten Fahrgäste empfanden diesen Umstand als lästig und so wurde nach Alternativen geforscht.


Schwierige Wiedereinführung

Trotz politischen Spannungen wurde nach dem 2.Weltkrieg der Zugverkehr zwischen Moskau und Berlin wieder aufgenommen. Der neuralgische Punkt, nämlich die beiden Spurweiten zu überwinden, gelang so, dass die Drehgestelle der Wagen am Grenzort Brest umgetauscht wurden. Dazu benötigte man im Normalfall  zwei Stunden und je nach Jahreszeit auch deutlich mehr. Im Winter waren satte Verspätungen ohnehin programmiert. Nicht zuletzt auch aus diesem Grunde waren Zugverbindungen zwischen Russland und dem restlichen Europa eher überschaubar. Doch auch befürchtete Einschleusungen von Spionen (übrigens auch jetzt ein hochaktuelles Thema) verhinderte intensivere Verbindungen.

Was die Geschwindigkeit anbelangte, arbeitete die RZD an einer Lösung und schielte in den Süden, denn in Spanien hatte man das Umspurproblem ganz anders gelöst. Spanien baute neben ihrem Breitspur-System, auf die europäische Normalspur, um Hochgeschwindigkeitszüge betreiben zu können. Damit auch Züge auf beiden Systemen schnell und bequem fahren konnten, hatte Talgo schon seit 1969 das „RD-System“ (Sistema Rodadura Desplazable) für den „TEE Catalan“ von Barcelona nach Genf entwickelt. Außerdem hatte Talgo mit dem passiven Neigesystem die passende Möglichkeit, ohne viel Aufwand höhere Geschwindigkeiten zu erreichen.  In Deutschland ist der Siegeszug von Talgo in den ehemaligen Sowjet-Staaten eher unbekannt. Tatsächlich werden  in Russland insgesamt 7 komplette „Talgo 21“ Züge für den 200 km/h schnellen Personenverkehr  eingesetzt, in Kasachstan sind über 800 Talgo-Wagen (Bild links), sowie ein Nachtzug im Einsatz. In Usbekistan werden 4 Hochgeschwindigkeitszüge des Typs S130 für 250 km/h eingesetzt. Weitere Wagen und Züge befinden sich gerade in der Fertigung.


Der Talgo-eine leichte Entscheidung für die RZD

Daher lag es nahe, dass auch für den prestigeträchtigen schnellen Nachtverkehr zwischen Moskau und Berlin diese innovativen Züge eingesetzt werden sollten. Diese neuen Nachtzüge haben mit den DB-Talgos der 1990 er Jahren, ausser des typischen Kastenaufbaus kaum mehr was gemein. Sie besitzen das RD-System, welches für die russische Talgo-Variante angepasst wurde. Auch die russische Kupplung fehlt nicht.

Die Züge sind für Temperaturunterschiede bis zu 80° (!) entsprechend isoliert und geeignet, und besitzen ein einzigartiges „natürliches“ Enteisungssystem, in dem die Abluft des Fahrgastraumes einfach direkt an die Räder und Halbachsen geführt wird. So war es auch zu erklären, dass der erste Zug ohne Eis oder Schneereste am frühen Morgen in Berlin ankam.

Wie bei den Talgo-Zügen üblich sind an den beiden Zugenden zwei Versorgungswagen eingegliedert, die für Klimaanlagen und Elektrizität verantwortlich sind. Die Dieselaggregate scheinen besonders stark und daher entsprechend laut zu sein, denn die 18 Hightech-Wagen, in denen insgesamt 216 Reisende Platz finden, benötigen besonders viel Energie.

Ein RZD-Zug besteht aus

•1 technischer Endwagen

• 5 Erste-Klasse-Schlafwagen mit Suiten für je zwei Personen pro Suite mit WC und Dusche (mehrere davon behindertengerecht),

• 4 Erste-Klasse-Schlafwagen mit Abteilen für zwei Schlafgäste pro Abteil.

• 1 Restaurantwagen

• 1 Bistrowagen

• 2 Erste-Klasse-Wagen mit Sitzplätzen

• 5 Zweite-Klasse-Wagen mit Liegewagen für je vier Personen pro Abteil

*  1 Versorgungswagen (Klimaanlagen, techn Versorgung)



Für jeden Anlass eine Ermäßigung

Gewöhnungsbedürftig ist das Preissystem, denn da gibt es über 36 (?) unterschiedliche Ermäßigungen, die einem Westeuropäer völlig fremd erscheinen. Da werden Hochzeitspaare  und Geburtstagskinder mit bis zu 35% belohnt, Kinder die alleine reisen, werden mit 70% Preisnachlass „getröstet“ und sogar der „einsame junge Single“ kann sich über 30% Rabatt freuen. So kann eine Reise von Berlin nach Moskau, sowohl bereits 135 Euro, als auch 815 Euro kosten, Alt ist man in Russland ab 60 Jahren, Erwachsen ab 25  Jahren.


Deutsche Präsenz: Fehlanzeige

Wie wichtig die Zugverbindung zwischen Berlin und Moskau ist, zeigte die Tatsache, dass bei der Eröffnung der Linie der russische Verkehrsminister Sokolow, der russische Botschafter in Deutschland, der Präsident der russischen Eisenbahn RZD Oleg Belzionoriow, der spanische Entwicklungsminister de la Serna, der spanische Staatsekretär für Verkehr, Gomes-Pomar und der Inhaber von Talgo Carlos Palacio Oriol (Tren articulado ligero Goicoechea Oriol) beteiligt waren. Für Deutschland, in dessen Hauptstadt der Zug schliesslich beginnt und endet, war lediglich der verantwortliche Sprecher der DB Berlin zugegen.  Hinter vorgehaltener Hand wurde diese Abwesenheit auch mit “bestimmten” Verstimmungen zwischen beiden Staaten begründet.


Die Zukunft hat begonnen


Carlos Palacio Oriol, der Talgo 1998 übernahm und für den rasanten Aufstieg des Schienenherstellers mitverantwortlich zeichnet, hatte noch einen ganz anderen Grund zur Freude, denn er gab bekannt, dass die spanische RENFE 30 neue Hochgeschwindigkeitszüge des absolut innovativen Typs  “Talgo AVRIL” bestellte.  Wie die AVRIL-Züge aussehen werden, und wie das Spurwechselsystem funktioniert, darüber wird später im speziellen Talgo-Bericht, der gerade in Vorbereitung ist geschrieben. Hier eine kleine Kostprobe von der Schnauze des neuen "Talgo 350" der Mekka-Medina-Bahn, der saudischen Bahn.



Der EC 440/441 wird bei der RZD als EN 13/14 geführt.  Die Zwischenhalte sind (von Nordosten nach Südwesten): Smolensk, Kransoe, Orsha, Minsk, Brest, Bug, Terespol, Warschau, Poznan, Rzepin und Frankfurt (Oder).

Der „Strizh“ verlässt Berlin am 18:50 Uhr und kommt in Moskau Kurskaja am folgenden Tag um 17:28 Uhr an, in der Gegenrichtung verlässt der Zug Moskau am 13:05 Uhr und kommt um 07:19 Uhr an. Gewartet wird der Zug im Talgo-Instandhaltungswerk Berlin, die auch für allfällige Reparaturen aller in diesem Verkehr eingesetzten Talgos zuständig ist.

(aus: Eisenbahn-Kurier 2/17)




 






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